„Für das Umfeld gilt gerade jetzt in der Pandemie: bitte noch genauer hinsehen.“

TRIGGERWARNUNG: Gewalt gegen Frauen. Tanja Glöckner-Pusic ist Psychologin in einer psychosozialen Beratungsstelle in Schweinfurt und gibt konkrete Tipps - für Betroffene und fürs Umfeld

Über 115.000 Frauen wurden 2019 in Deutschland Opfer von Gewalt. Wie kann das sein? Was läuft da schief?

Häusliche Gewalt hat in der Regel immer etwas mit Macht zu tun. Eifersucht, Kontrolle und Besitzansprüche spielen häufig eine zentrale Rolle. Zu Gewalt kommt es dann, wenn der oder die Täter*in sich in ihrer Machtposition bedroht fühlt. Nach wie vor leben wir in einer Gesellschaft, die sich zwar für tolerant und offen hält, von einer wirklichen Gleichberechtigung sind wir jedoch noch meilenweit entfernt. Solange das so ist, wird es immer Täter*innen geben, die sich Frauen gegenüber als überlegen fühlen und daraus einen Machtanspruch ableiten, den sie notfalls mit Gewalt durchsetzen. 

Ihr als Beratungsstelle habt täglich mit solchen Fällen zu tun: was und wie viel muss noch getan werden? Habt ihr konkrete Verbesserungsvorschläge?

Konkrete Verbesserungsvorschläge gibt es tatsächlich einige. Es müssten viel mehr Frauenberatungsstellen und Frauenhäuser geben, so dass eine flächendeckendere Versorgung gewährleistet ist. 

Bei häuslicher Gewalt sind neben den Beratungsstellen viele verschiedenen Akteure wie Polizist*innen, Staatsanwält*innen, Ärzt*innen und noch einige Professionen mehr involviert. Es braucht Schulungen und Fortbildungen, um einen sensibleren Umgang mit von Gewalt betroffenen Menschen zum Standard und nicht zu einer Ausnahme zu machen. 

Das Thema Prävention ist ganz wichtig und vor allem eine, die schon im jüngeren Alter ansetzt und verschiedene Aspekte wie beispielsweise auch Teenage Dating Violence beleuchtet. 
Der Bereich der Täter*innenarbeit muss ausgebaut werden. Das Frauenunterstützungssystem unterstützt die Frauen, das Männerunterstützungssystem die Männer.
Aber es müssen auch Angebote für Täter*innen etabliert werden, die zum Ziel haben, die Gewalt dort zu stoppen, wo sie beginnt. Bei den Täter*innen selbst. 
Aber um einen optimistischen Ausblick zu haben, es tut sich was. Das Thema rückt immer mehr in Fokus. 

Was genau macht ihr in Eurer Beratungsstelle? Wie sieht die Hilfe für die Frauen konkret aus?

Wir beraten Frauen und Mädchen, die häusliche und sexualisierte Gewalt erfahren haben. Die Unterstützung ist dabei immer ganz individuell und auf die jeweilige Frau angepasst. Wir informieren Frauen beispielsweise über die Möglichkeiten des Gewaltschutzgesetzes. Dabei haben die Frauen die Möglichkeit auf zivilrechtlichem Wege Schutzmaßnahmen wie beispielsweise ein Kontakt- oder Näherungsverbot gegen den oder die Täter*in geltend zu machen. Wir vermitteln Kontakte zu Anwält*innen oder Therapeut*innen. Ein wichtiger Bestandteil ist das Abwägen von Risiken und das Erarbeiten von Sicherheitsplänen im Falle einer Trennung. In erster Linie hören wir aber auch einfach nur zu. Das Thema häusliche Gewalt ist häufig mit Scham besetzt. Die Frauen sind von den Täter*innen oft über lange Zeit sozial isoliert worden und hatten keine Möglichkeit, sich jemanden anzuvertrauen. Unsere Aufgabe ist es, einen geschützten Raum zu schaffen, in dem die Frauen offen darüber sprechen könne, was sie erlebt haben. 

Wenn eine Frau jetzt Kontakt zu Euch aufnehmen will – was ist der einfachste Weg – und wie geht es nach der ersten Kontaktaufnahme weiter?

Die Frauen nehmen in der Regel im ersten Schritt per Telefon mit uns Kontakt auf. Diese Telefonate können ganz unterschiedlich sein. Manche Frauen wissen genau, wie eine mögliche Unterstützung durch uns aussehen könnte und manche Frauen möchten im Vorfeld lieber anonym bleiben und nicht so viel von sich preisgeben. Was ja verständlich ist. Der Schritt, sich an uns zu wenden ist selten einfach. 

Die Frauen können selbst entscheiden, ob Sie einen telefonische oder persönliche Beratung möchten. Hinter der jeweiligen Entscheidung liegen individuelle Gründe. Einige Frauen nutzen beispielsweise die Zeit, in der der Mann arbeitet, um zu uns in die Beratungsstelle zu kommen. Wiederum andere telefonieren mit uns auf dem Weg zum Einkaufen. 

Im ersten Gespräch erarbeiten wir gemeinsam mit der Frau wie wir ihr helfen können. Wir unterstützen und begleiten die Frauen dabei so lange, wie sie es wünschen. Manche konkrete Anliegen können schon in einem Termin geklärt werden und in anderen Fällen begleiten wird die Frauen über einen längeren Zeitraum. 

Was ganz wichtig ist, jede Frau, die zu uns kommt, ist einem ganz individuellen Risiko ausgesetzt. Das klären wir auf jeden Fall im ersten Gespräch. Die oberste Priorität hat die Sicherheit der Frau, dafür erarbeiten wir einen individuellen Sicherheitsplan. Wenn das Risiko zu hoch ist, kann es sein, dass eine Unterbringung in einem Frauenhaus der nächste Schritt ist. 

Hat die Frau eine konkrete Trennungsabsicht, sprechen wir deren Umsetzung detailliert durch. Hier ist es ganz wichtig zu wissen: Eine Trennung ist der gefährlichste Zeitpunkt. Wie ich am Anfang gesagt habe, in der Regel geht es immer um Macht. Eine Trennungserklärung nehmen viele Täter*innen nicht hin und die Gewalt eskaliert. 

Deshalb ist ein Drängen von Freund*innen oder dem Umfeld auch nicht ratsam. Eine solche Trennung muss gut vorbereitet sein. 

Wir arbeiten dabei ressourcenorientiert. Jede Frau bringt ganz eigene Stärken und Ressourcen mit. Unsere Aufgabe dabei ist es, diese wieder hervorzuholen und zu stärken und der Frau zu vermitteln „you can do it!“. 

An den Berichten von den betroffenen Frauen hat mich mit am meisten schockiert, dass nach der Tat/den Taten häufig Angehörige aber auch ÄrztInnen und PsychologInnen das, was den Frauen angetan wurde, heruntergespielten – oder den Frauen in irgendeiner Weise ein schlechtes Gewissen gemacht wurde. Ich las Sätze wie: „Na irgendwas musst Du ja gemacht haben“ (Satz einer Mutter zu ihrer Tochter) oder „Sind Sie sicher, dass Sie den Mann anzeigen wollen und somit sein Leben zerstören?“ (ein Arzt). Wieso ist das so? Kannst Du Dir das erklären?

In unserer Gesellschaft gilt immer noch das Bild der liebenswerten Frau bzw. treusorgenden Ehefrau und Mutter, die schön brav alles klaglos hinnimmt. Dazu kommt noch, dass sich in unserem patriarchalischen System Männer viel mehr erlauben und Grenzen überschreiten dürfen.

Oftmals spiegeln solche Aussagen aber auch die Hilflosigkeit der Personen aus dem Umfeld wider. Wenn jemand auf eine solche Art und Weise das Geschehene herunterspielt, dann muss derjenige sich in der Regel auch nicht weiter damit auseinandersetzen. 

Dazu kommt auch, dass der Mensch gerne das Gefühl von Kontrolle hat. Das begegnet mir auch häufig im Bereich der sexualisierten Gewalt. Da fallen oft Sätze wie „hätte sie mal nicht so viel getrunken“ oder „hätte sie nicht diesen Rock angezogen“. Das fällt alles unter victimblaming. Wenn also jemand sagt „du musst ja etwas gemacht haben“ schiebe ich jede Schuld der betroffenen Frau zu. Im Umkehrschluss fühlt sich der oder diejenige, die solche Aussagen trifft, dann ziemlich sicher. Ihr selbst kann sowas ja unmöglich passieren. Aber jeden von uns kann häusliche Gewalt treffen. Die Verantwortung liegt nie bei der betroffenen Person selbst, sondern immer bei den Täter*innen. Die Aussage des Arztes ist dabei auch symptomatisch. In den Köpfen muss endlich ankommen, dass nicht die Frau das Leben des Mannes durch eine Anzeige zerstört, sondern er das bereits durch seine Gewalttätigkeit selbst getan hat. 

Ganz oft bekommen die Frauen auch zu hören: „also ich hätte mich ja schon längst getrennt“. In einer Beziehung herrschen ganz eigene Dynamiken. Viele Frauen haben den engen Kontakt zu einem Supportsystem durch gezielte Isolation verloren. Oft sind Kinder involviert und es bestehen finanzielle und strukturelle Abhängigkeiten. Diese Sensibilität ist nur durch Aufklärung zu erreichen. 

Wir leben mitten in einer Pandemie. Das bedeutet: wenig soziale Kontakte und viel zu Hause sein. Für manche Frauen bedeutet es: die Hölle auf Erden. Schließlich leben einige von ihnen  mit dem Täter unter einem Dach. Spürt ihr das bei Eurer Arbeit? Nehmen die Anrufe zu – oder ist das Gegenteil der Fall?

Während des ersten Lockdowns war es zu Beginn fast schon gespenstisch ruhig. Was wir eben auch darauf zurückführen, dass die Frauen schlichtweg keine Möglichkeiten hatten, Kontakt aufzunehmen. Danach hatten wir das Gefühl, die Problemstellungen mit denen die Frauen zu uns kommen, werden komplexer. Neben der Gewalt kamen viele weitere Schwierigkeiten dazu. Finanzielle Probleme, Überforderung durch Homeschooling und Homeoffice beispielsweise.  

Bei uns kamen die Anrufe immer wellenartig. Ruhigere Zeiten haben sich mit stärker frequentierten abgewechselt. 

Unsere Beratungsstelle ist in einer ländlicheren Region, ich kann mir vorstellen, dass Frauennotrufe in Ballungszentren, da andere Erfahrungen machen. 

Wir arbeiten ja auch mit Frauen, die sexualisierte Gewalt in der Kindheit erfahren haben. Viele sind an Therapeut*innen angebunden oder haben sich über Jahre eine tragfähige soziale Struktur aufgebaut. Das ist plötzlich alles von einem auf den anderen Tag weggefallen und hat viele Frauen stark aus der Bahn geworfen.

Wie kann man in der aktuellen Situation diesen Frauen helfen? Gibt es da Eurer Meinung nach Wege und Möglichkeiten?

Für das Umfeld gilt gerade jetzt in der Pandemie, bitte noch genauer hinsehen. Konkret nachzufragen wie es den Nachbarinnen oder Freundinnen geht. Es gibt verschiedenen Aktionen auch auf Bundesebene z.B durch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BFSFJ) oder das bundesweite Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen, bei denen man sich Materialien wie Flyer oder Poster mit wichtigen Telefonnummern oder Angeboten im Internet herunterladen kann. Diese kann man vielleicht in dem Mietshaus, in dem man wohnt, ans schwarze Brett pinnen. Wenn nur eine Frau das sieht, die es in dem Moment gebrauchen kann, ist schon viel gewonnen. 

Ich bin immer dafür, die Frau bei einem Verdacht in einem ruhigen Moment anzusprechen. Die meisten Frauen werden erstmal abwinken. Hier bitte nicht drängen und einfach signalisieren, wenn du Hilfe brauchst, ich bin da. Vielleicht nimmt die Frau dieses Angebot nie an. Aber es macht einen großen Unterschied, wenn sie weiß, da ist jemand, der sieht mich und an den kann ich mich wenden. 

Wenn man merkt, dass beispielsweise eine Freundin von häuslicher Gewalt betroffen sein könnte, dann herrscht logischerweise erstmal eine große Unsicherheit. In der Regel stehen Frauenberatungsstellen auch Vertrauenspersonen offen und geben wertvolle Tipps wie man als Unterstützungsperson helfen kann. 

Ganz wichtig ist: Nichts über den Kopf der betroffenen Frau hinweg entscheiden. Sie erlebt durch die Gewalt in ihrem häuslichen Umfeld schon so viele Grenzverletzungen, dass es ganz wichtig ist, eine vertrauenswürdige und transparente Ansprechperson zu sein. 

Wegschauen darf auf jeden Fall bitte keine Option sein!

Was können wir als Individuen aktiv dazu beitragen, dass weniger Frauen zum Opfer von Gewalt werden?

Das Thema immer wieder in die Öffentlichkeit tragen. Häusliche Gewalt ist keine Privatsache. Es muss darüber gesprochen werden. Immer und immer wieder. Das Thema darf kein Tabu sein. Jede*r muss sich überlegen, welchen Beitrag er leisten kann, dass eine echte Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen herbeigeführt werden kann. Das kann auf ganz unterschiedlichen Ebenen geschehen. Zunächst kann sich jede*r einmal selbst ganz ehrlich fragen, was habe ich eigentlich beispielsweise für eine Einstellung zu den vorherrschenden Rollenbildern und wie vermittele ich diese meinen Kindern. 

Auf ganz pragmatischer Ebene: 

Bei vielen Frauenberatungsstellen und Frauenhäuser sind die Träger kleinere autonome Vereinen, die man ehrenamtlich oder über Mitgliedschaften und Spenden  unterstützen kann. 

Wenn eine Frau mitliest, die Hilfe benötigt: Was möchtest Du ihr sagen?

Du trägst keine Schuld an dem, was Dir passiert oder passiert ist! In Deiner Region gibt es mit Sicherheit eine Frauenberatungsstelle, die Dich unterstützen kann. Du musst den Weg nicht alleine gehen. 

Gibt es sonst noch etwas was wichtig wäre zu erwähnen?

Häusliche Gewalt hat viele Gesichter. Sie zeigt sich nicht immer in Form von mehr oder weniger sichtbarer körperlicher Gewalt. Psychische Gewalt in Form von Beleidigungen und Abwertungen gehört genauso dazu wie beispielsweise sexualisierte oder finanzielle und soziale Gewalt. Egal welche Form, sie hat schwerwiegende Auswirkungen auf die Betroffenen. 

Psychologin Tanja Glöckner-Pusic (Foto: privat)

Wichtige Adressen:

Bundesweite Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen, das unter 08000 116 016 24h erreichbar ist und auch anonym berät. Online-Beratung auf deren InternetseitE www.hilfetelefon.de (hier finden Frauen auch Kontaktdaten zu regionalen Beratungsstellen)
Bundesverband Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe (bff) bietet unter www.frauen-gegen-gewalt.de auch eine Bandbreite an Infos, u.a auch zu digitaler Gewalt oder bspw. Gewalt an Frauen mit Behinderungen (hier ist das Risiko, Gewalt zu erfahren, stark erhöht). Auch hier gibt es eine Datenbank mit regionalen Anlaufstellen. 
Unter www.wege-aus-der-gewalt.de gibt es viele Informationen für Frauen mit Behinderung.