Geheime Trauer – Meine Affäre hat Suizid begangen

Der Mann, den Sandra (Name geändert) liebt, hat sich das Leben genommen - ihr reißt es den Boden unter den Füßen weg. Doch sie kann nicht trauern, zumindest nicht öffentlich. Denn er und sie hatten eine Affäre, von der so gut wie niemand wusste.

Text von Lea Schings

Sandra ist alleinerziehend, als sie Max wieder trifft. Sie kennen sich schon länger, haben sich  aber aus den Augen verloren, als beide unabhängig voneinander Kinder bekamen. Auf einer Party steht er plötzlich wieder vor ihr – und ihr Herz schlägt höher. Immer schon ist gegenseitiges Interesse da. So richtig klar wird das vor allem Max in dem Moment, als Sandra ihn fragt, ob er glücklich sei. „Da hat er gemerkt: Es interessiert sich ernsthaft jemand für ihn, für seine Gefühle, für sein Leben.“ Danach will er gar nicht mehr von ihrer Seite weichen, „aber ich habe ihm nochmal einen Korb gegeben, weil ich es nicht übers Herz gebracht habe, mich auf ihn einzulassen in dem Wissen, dass er eine Frau und eine Tochter hat, die ich auch beide kenne.“ Ein halbes Jahr später sehen sie sich wieder; und Sandra wird schwach.

Magische Anziehung – der Beginn einer Affäre

Die beiden landen im Bett. Sandra geht zunächst davon aus, dass es eine einmalige Sache ist, schließlich will sie nichts kaputt machen. Doch er lässt nicht locker. Nach mehreren Telefonaten lässt Sandra sich auf ein Treffen ein. Danach kommt er sie jeden Abend  nach der Arbeit besuchen.

„Aber es gab immer mehr Tage, an denen wir uns nicht zusammen auf’s Sofa kuschelten, sondern er sich an meinen Esstisch setzte. Dann wusste ich, er wollte reden. Ihn hat so wahnsinnig viel bedrückt. Schlimme Erfahrungen in seiner Kindheit, eine nicht mehr funktionierende Ehe und sein Job, in dem er rund um die Uhr erreichbar sein musste.“

Mehrmals versucht Max die Affäre mit Sandra zu beenden, ihn plagen die Schuldgefühle. Doch er findet immer seinen Weg zurück zu ihr.

Über das Hin-,und her war sie nie sauer. „Beim ersten Mal war ich natürlich sehr geschockt, weil ich gemerkt habe, was bei uns Sache ist und habe mich gefragt, warum er jetzt geht…Und dann hat er mir aber nochmal deutlich gesagt, dass er ein wahnsinnig schlechtes Gewissen hat. Es ging gar nicht um seine Gefühle, er wusste gar nicht, was er fühlt…“

Max fühlt sich zu Sandra hingezogen, will aber seine Familie nicht im Stich lassen. Zwischendurch meldet er sich immer mal ein paar Tage nicht bei ihr, ihn plagt sein Gewissen, doch er kann Sandra nicht aufgeben. „An diesen Tagen ohne Kontakt war ich natürlich oft sehr traurig, aber irgendwie hat mir mein Gefühl gesagt: Das war es noch nicht. Das kann es nicht gewesen sein. Und nach zwei, drei Malen wusste ich dann ja auch, er meldet sich wieder; sei es nach einem, zwei oder drei Tagen, aber er meldet sich wieder.“

Max verändert sich

Etwa vier Monate nach Beginn der Affäre findet Max‘ Frau das Ganze heraus. Zu dem Zeitpunkt leben die beiden schon nicht mehr in der gleichen Wohnung; er ist in eine Wohnung im gleichen Haus gezogen. Als seine Frau von der Affäre erfährt, trennen sie sich endgültig. Seine Frau zieht ganz aus dem Haus aus, weg von ihm. 

Nach der Trennung verändert Max sich, er stürzt tiefer in die Depression, die ihn schon sein ganzes Leben lang begleitet. Seine Gefühlswelt verändert sich, doch nie in Bezug auf Sandra. Sie weiß von seinen Depressionen, die beiden reden viel darüber.

„Ich wusste, dass für ihn diese Option besteht, war mir aber eigentlich sicher, dass er es nicht tut. Er hat auch gesagt, er hätte den Strick schon zuhause und er hat mir vorher auch schon mal das Buch über Robert Enke zu lesen gegeben (Anm. d. Red. ein Fußballspieler, der sich 2009 das Leben genommen hat). Das Problem bei Depressionen ist, dass es kurz vor dem Suizid oft nochmal bergauf geht und man dann einfach froh ist, dass derjenige aus diesem tiefen Loch raus ist. Man rechnet dann nicht mehr mit dem Schlimmsten. Ich hab immer so einen Lebenswillen gehabt und konnte gar nicht verstehen, wie man keinen Spaß an diesem Leben hier haben kann. Darum war es für mich irgendwie klar, dass auch bei ihm der Lebenswille gewinnt.“

Max weiß: Für ihn geht es so nicht weiter. Er sieht drei Optionen: „Er meinte, entweder nimmt er sich das Leben, haut ab oder er macht das Beste aus dem, was gerade ist. Und ich hab ihm gesagt, ich stehe hinter jeder seiner Entscheidungen. Ich hatte aber trotzdem nicht mit der ersten Option gerechnet, ich wollte einfach, dass es ihm besser geht. Egal, was auch letztendlich für mich dabei rauskommt.“ Sandra unterstützt Max, er sucht sich psychologische Hilfe. „Dieses Hilfe suchen, das machen viele Menschen, die Suizid begehen, um dann im Nachhinein die Angehörigen zu entlasten.“

Verantwortlich fühlt sich Sandra zum Glück nicht. Manchmal fragt sie sich aber, was gewesen wäre, wenn die beiden keine Affäre begonnen hätten und sich seine Frau nicht getrennt hätte.

„Aber er hat mir immer versichert, dass die Ehe ohnehin schon gescheitert sei. Sie habe auch oft gesagt, dass sie verstehe das Max eine Affäre mit mir begonnen habe, weil das zwischen ihnen keine keine Ehe, keine Beziehung mehr sei.“ 

“Jetzt, nachdem ich mich nochmal intensiver mit Depressionen auseinandergesetzt habe und weiß, was da alles hinter steckt, denke ich schon öfter, vielleicht hätte man ihm helfen können. Aber weil er schon so lange mit der Depression zu kämpfen hatte, bin ich mir da echt nicht sicher. Und ich habe mich nochmal irgendwann mit einer Frau unterhalten, die in einer Psychiatrie arbeitet. Sie  hat gesagt: ‘Wer sich umbringen möchte, der schafft es irgendwann.’ Das war auch nochmal ein Punkt, wo ich dachte, okay, selbst wenn es an dem Tag X nicht gewesen wäre, dann wäre es halt ein paar Monate später passiert. Ich habe aber immer noch nach wie vor das Gefühl, dass ich alles richtig gemacht habe.“

Der Tag, an dem er nicht mehr antwortete

Eines Tages schreibt Sandra ihm morgens eine Nachricht und er antwortet nicht. In dem Moment interpretiert sie da nichts rein, er schreibt öfter mal nicht direkt. Erst später erfährt Sandra, dass er nicht mehr antworten kann. Er ist tot.

„Irgendwann habe ich Polizei, Feuerwehr und Krankenwagen in die Straße fahren sehen, in der er gewohnt hat. An ihn hab ich aber in dem Moment gar nicht gedacht, weil ich davon ausgegangen bin, dass er arbeiten ist.“


Sandra erfährt die Nachricht bei der Arbeit von ihrer Mutter, als diese sich erkundigt, was mit ihm passiert sei. Die Mutter weiß nicht, was zwischen den beiden ist, nur dass da etwas ist. Außer Max’ Frau weiß nur sein bester Freund von der Affäre.  Mit dem hat Sandra heute immer noch Kontakt. Es spricht sich schnell rum, dass Sandra von dem Suizid sehr betroffen ist, – bei der Arbeit schickt ihr Chef sie nach Hause.

„Aber zuhause habe ich es dann auch nicht ausgehalten. Überall roch es noch nach ihm, es lagen Geschenke rum, die er mir mitgebracht hatte, seine Sachen waren bei mir, sein T-Shirt, was noch nach ihm roch.“ Sandra erzählt zu diesem Zeitpunkt auch ihrer Tochter davon. Diese ist damals 8 Jahre alt und „konnte natürlich nicht verstehen, warum ich auf einmal so traurig bin und die ganze Zeit weine.”

Geheime Trauer: Sandra sitzt bei der Beerdigung in der letzten Reihe

Anderthalb Wochen später wird Max beerdigt. Sandra sitzt in der allerletzten Reihe. Sie hatte Angst vor der Beerdigung, Angst vor der Reaktion von Max‘ Frau. „Ich wusste gar nicht, ob ich mich da überhaupt hin trauen kann, aber irgendwie habe ich gedacht, ich muss dahin. Seine Frau hat mich gar nicht registriert. Was ich aber bemerkt habe: Einige sind dort auf mich zugekommen, haben mir den Arm gestreichelt; und da hab ich gedacht ‘Hmm‘?“

Das macht es für Sandra sehr schwierig, sagt sie. „Das war das Schlimmste für mich an dieser geheimen Trauer, dass ich nicht wusste, wer weiß was. Ich hatte niemandem davon erzählt, er nur seinem besten Freund, aber seine Frau wusste es ja und wem die davon erzählt hatte, wusste ich wiederum nicht…“

Sandra hat es im Nachhinein noch ein, zwei Personen anvertraut, einerseits um nicht ganz alleine mit der Trauer zu sein, andererseits, weil auch für Umstehende sichtbar wird, wie sehr Sandra die Situation mitnimmt. „Ich habe mich nicht mehr geschminkt und so wie in dieser Zeit bin ich vorher nie rumgelaufen. Meine Arbeitskollegen haben natürlich auch gesehen, dass es mir auf einmal schlecht geht. Aber sie wissen bis heute nicht genau was da war, sie wissen nur, dass da irgendwas war. Ich hab es dann auch meiner Freundin erzählt, das hat es schon erträglicher gemacht.“


Sandra geht ganz normal weiter zur Arbeit, besonders in den ersten Wochen nach Max‘ Tod ist sie sehr froh darüber, von Zuhause weg zu kommen. Tagsüber funktioniert sie, auch für ihre Tochter. „Aber abends so ab 22 Uhr, wo er dann normalerweise da gewesen wäre, da habe ich mir dann extra Zeit für meine Trauer genommen und über Monate allen meinen Gefühlen Raum gegeben und alles rausgelassen. Viel Musik gehört, auch Lieder die wir damals zusammengehört haben.

Sandra durchsucht das ganze Internet nach Antworten auf die Frage, warum das Ganze so passiert ist. „Ich konnte aber nie, nie wütend auf ihn sein, denn es ging ihm so schlecht und ich weiß, er wollte nicht aus seinem Leben, sondern aus dieser Depression. Da bin ich mir ganz sicher, dass er nicht aus seinem Leben rauswollte. Aber es ging nicht anders, weil es ihm so schlecht ging. Es gab Tage, da konnte er nicht mal mehr richtig sprechen.“

Mittlerweile ist Sandra vor allem dankbar, diese gemeinsame Zeit mit ihm gehabt zu haben. „Ich erinnere mich, dass ich schon nach einer Woche Dankbarkeit für die gemeinsame Zeit gefühlt habe. Rückblickend sehe ich mich einfach als die Person, die ihm sein letztes Jahr hier auf der Erde noch erträglich gemacht hat. Dankbar war und bin ich auch, weil das definitiv das schönste Jahr meines Lebens war.“

Sandras Leben heute: so hätte Max es sich gewünscht

Mittlerweile lebt Sandra genau so, wie er es sich immer für sie gewünscht hat. Sie hat ein Haus gebaut, hat zwei Katzen; alles Dinge die er sich für sie ausgemalt hat. „Auf der einen Seite hat er sich das für mich gewünscht, aber auf der anderen hat er auch ganz viele Pläne mit mir gehabt. Wir wollten zusammen in ein Haus ziehen, aber in unterschiedliche Wohnungen, weil ihm klar war, dass man es mit ihm nur schwer aushält mit seiner Depression. Bei unseren Plänen waren aber auch viele Gedankenspielereien dabei, von denen wir wussten, das wird nie so kommen. Wir haben uns unsere eigene Welt erträumt, die wir gerne gehabt hätten, waren aber auch immer bodenständig und haben gesagt, der tatsächliche Weg wird wohl eher ein anderer.“

Trotz allem blickt Sandra sehr positiv auf die gemeinsame Zeit zurück. Durch Max, der sehr gläubig war, hat sie wieder zum Glauben an Gott zurückgefunden. Der Glaube bildet in der schweren Phase der geheimen Trauer ein verbindendes Element zu ihm.

„Bei einer Sache bin ich mir sicher,“ sagt Sandra. „Es war die richtige Entscheidung, dass ich immer für ihn da war und wir sein letztes Jahr hier auf der Erde gemeinsam gegangen sind. Auch wenn das alles nicht gereicht hat, um ihn am Leben zu halten. Nie zuvor hab ich so viel gelernt über das Leben, den Tod und die Liebe wie in der gemeinsamen Zeit mit meinem Helden.“