„Ich fühle mich wie das neue Extrem.“

Nach wie vor großes Tabu: Asexualität. Diese Menschen empfinden kein sexuelles Verlangen für andere. Janna (Name geändert) dachte bis vor kurzem noch "Mit mir stimmt was nicht". Hier schreibt sie heute zum ersten Mal, wie es ist "asexuell" zu sein.

Unsplash / Anthony Tran
  1. Du bist 27 Jahre alt, wann hast Du das erste Mal gemerkt, dass Du asexuell bist?

Dass es Asexualität ist, wahrscheinlich erst vor wenigen Monaten, ca. einem Jahr. Ich habe viel mit meinem Mann darüber gesprochen, meine bisherigen Erfahren reflektiert und bin nach und nach darauf gekommen. Am Ende waren es Berichte von Menschen, denen es ähnlich erging. Bis dahin war ich immer in der Annahme, dass mit mir etwas nicht stimmte. 

Das erste Mal gemerkt, dass ich ‚anders‘ bin, sehr, sehr früh. Die erste sexuelle Erfahrung sammelte ich mit ca. 14 Jahren und es war keine schöne Erfahrung – aber das ist es wahrscheinlich bei sehr wenigen in dem Alter. Also schiebt man es ‚auf das erste Mal‘.
Aber auch das zweite und das dritte Mal brachten mir nicht das erhoffte Erlebnis. 

2. Hattest Du schon mal eine Beziehung – und warst sexuell aktiv?

Tatsächlich hatte ich einige Beziehungen. Sowohl längere, feste Beziehungen, wie auch One-Night Stands und ‚lockere‘ Freundschaften. Ja, sogar mit Frauen.

Heute würde ich sagen, dass dies alles passiert ist, weil ich nie das gefunden habe, was doch so normal zu sein schien. Eine normale sexuelle Beziehung. Kein Partner und kein Beziehungsmodell schienen für mich zu passen. Ich suchte die Schuld bei mir und ständig nach neuen Lösungen für mein Problem. 

Mit 16/17 Jahren kennst du – auf Grund der mangelhaften Aufklärung – nur das was dir bis dahin als ‚normal’ erscheint. Wir wurden über Hetero-, Bi-, Homosexualität aufgeklärt… gefühlt in einer Doppelstunde in Bio. Irgendwann in der 8. Klasse vielleicht. 

3. Wenn Du in einer Beziehung warst: hast Du Deine Asexualität angesprochen?

Wenn ich eine Beziehung hatte, habe ich das Thema nie angesprochen. 

Die Beziehungen sind meistens auch daran zerbrochen. Ich wusste nicht, was mit mir ‚los ist‘ und der Partner dachte immer, ich hätte das Interesse verloren, weil wir keinen sexuellen Kontakt mehr hatten, bzw. ich mich verweigerte. 

4. Viele Menschen, die frisch verliebt sind, kriegen nicht genug vom Partner. Wollen sich ständig berühren und miteinander ins Bett.
Was empfindest Du, wenn Du verliebt bist? 

Oh, das ist ganz ähnlich… bis auf das ‚miteinander ins Bett‘.
Ich verspüre auch gerne körperliche Nähe, kuschel gerne mit meinem Partner und verbringe gerne Zeit mit ihm. Aber DAS reicht mir vollkommen aus. Mehr braucht es für mich nicht, um mich vollkommen glücklich und geliebt zu fühlen. 

5. Warum gehts Du damit nicht offen um, wovor hast Du Angst?

Das hier ist für mich tatsächlich das 1. Mal, dass ich ‚öffentlich‘ darüber spreche. Ein wirkliches Outing gab es für mich bisher nicht, da es für mich auch noch sehr neu ist. 

Angst habe ich (glaube ich) vor den Fragen. Fragen zu etwas HOCH persönlichem. 

Einen Schwulen würde niemand fragen, wie er das denn mit dem Sex macht und wie er mit seinem aktuellen Partner denn so treibt. 
Ich hätte Angst vor Fragen, wie „Aber wieso bist du dann verheiratet? ; Wie konntest du schwanger werden, wenn du kein Sex hast? ; Was hält dein Mann davon, dass du nicht mit ihm schlafen willst?“

Wie geht Dein Mann mit Deiner Asexualität um?

Mein Mann ist sehr verständnisvoll. 

Anders als in vorherigen Beziehungen hat er das Gespräch mit mir gesucht. Sehr oft. Ruhig. & ohne Vorwürfe. Das hat mir geholfen, mich zu öffnen und mein Verhalten zu reflektieren, durch die Gespräche mit ihm. 

In anderen Beziehungen wurde es meist sehr offensiv angesprochen, wodurch ich mich natürlich angegriffen gefühlt habe & noch stärker dachte, es stimmt etwas nicht mit mir. 

Natürlich ist mir bewusst dass er Bedürfnisse hat – auch wenn ich es nicht nachfühlen kann. Ein ‚normales‚ Sexleben haben wir natürlich nicht & bestimmt auch nicht in der verführenden Romantik, wie es andere Paare leben. 

Wir haben auch hier in vielen Gesprächen für uns Lösungen & Regelungen gefunden. 

Die wichtigste Regel für mich: die Initiative geht immer von mir aus. So bekommt er nicht dauernd einen Korb & ich fühle mich nicht bei jedem seiner Versuche unter Druck gesetzt, nachgeben zu müssen Sexuelle Handlungen zuzulassen, in Situationen, in denen ich es eigentlich nicht möchte. 

So gehe ich einen Schritt auf ihn zu oder gebe ihm ein Signal, wenn ich mich gut fühle & sexuelle Handlungen für mich in dem Moment ‚ok’ sind. 

Außerdem haben wir klar definiert, welche sexuellen Handlungen für mich in Ordnung sind. 

So haben wir uns inzwischen arrangiert. Wir sind beide Kompromisse eingegangen, mit denen wir (aktuell) leben können. 

6. Wieso ist das Dein „Tabutthema“ bzw. Glaubst Du, in der breiten Gesellschaft wird Asexualität weniger anerkannt als zb. Homo-,oder Bisexualität? Woran liegt das?

Es ist für mich ein Tabutthema, weil es in der Gesellschaft nicht angekommen ist. All die von dir aufgeführten Gruppen, führen eine ‚normale‘ Beziehung mit sexueller Neigung zu einem Partner – in unterschiedlichsten Formen. 

Ich fühle mich wie das neue Extrem – der Abwesenheit von all diesem. 

Die Aufklärung in der Gesellschaft und vor allem der Jugend in den Schulen geht bei weitem nicht weit genug. Die Schulzeit ist bei mir jetzt noch nicht allzu lange her – aber ist es wirklich noch zeitgemäß, sich die Aufklärung aus Bravo und dem Internet zu beschaffen? 

Sollte es hier nicht umfassenden Unterricht in der Schule geben, der klar und deutlich über ALLE Möglichkeiten aufklärt? …und damit meine ich nicht die bereits angesprochenen Doppelstunde in Bio. 

Kinderwunsch: Sex als notweniges Übel

7.Was braucht es, damit Asexuelle offen darüber sprechen?

Mut. Viel Mut. 

Hinzufügen würde ich gerne noch etwas zum Thema Kinderwunsch. 

Ein Kinderwunsch hängt nicht mit einer sexuellen Orientierung zusammen. Genau wie Homosexuelle Paare diesen Wunsch verspüren, ist dieser auch bei meinem Mann und mir vorhanden. 

Nun gehört dazu einmal der Sex. Auf meine mehrmaligen Hinweise bei Gynäkologen, dass ich keinerlei sexuelles Verlangen verspüre, erhielt ich die Antwort, ich solle mich entspannen, wir müssten es länger probieren und wurde weg geschickt.

So verging ein Jahr.
Ein Jahr voller Sex nach Plan und Qual für mich. Es war ein notwendiges Übel, was ich bereit war, auf mich zu nehmen.

Erst nach einem Jahr waren die Ärzte bereit uns zu helfen. Am Ende standen wir auch noch vor dem größeren Thema ‚Unfruchtbarkeit‘ und einer künstlichen Befruchtung stand (Gott sei Dank) nichts mehr im Wege. Für mich war es ein kleiner Befreiungsschlag. 

Aber ja, nicht einmal Ärzte denken über diese Möglichkeit nach.