„Hätte ich meinem Freund bloß einen Heiratsantrag gemacht. Jetzt ist es zu spät. Die Liebe meines Lebens ist tot.“

Elisabeth Mitter berichtet von dem Fehler ihres Lebens.

Im Januar 2018 haben John und ich uns auf einer Datingplattform kennengelernt. 

Ich habe zur damaligen Zeit als Pflegekraft für ein Kind mit Behinderung gearbeitet. Anfang Januar kam meine Chefin eines abends nach Hause und meinte sie habe im Radio gehört, dass sich im Januar die meisten Leute auf Dating-Websites anmelden weil sie nicht noch nochmal Weihnachten alleine verbringen möchten. Ich war schon lange Single – und hab mich da angemeldet, aber nicht wirklich nach Jemanden gesucht.  Noch am selben Tag kam von John eine Nachricht. Sein Profil war sehr „nerdy“, wir hatten auf den ersten Blick nichts viel gemeinsam. Trotzdem schrieben wir viel hin und her. Drei Wochen später hatten wir unser erstes Date: Es war Liebe auf den ersten Blick! 

Dann ging alles ganz schnell: im April 2018 waren wir gemeinsam auf den Bahamas, im Mai sind wir zusammengezogen und im Juni war ich schwanger.  Einer der Gründe, weshalb wir so schnell zusammengezogen sind, war, weil John damals der Führerschein entzogen war – und ich ihn nicht ständig zur Arbeit fahren konnte. So wohnten wir näher an seiner Arbeitsstelle.  Übrigens: erst drei Wochen vor dem tödlichen Unfall hatte er seinen Führerschein wieder bekommen und war so glücklich darüber… 

Hattet ihr Pläne zu heiraten?

Wir hatten kein konkretes Datum aber hatten darüber gesprochen und waren uns einig, dass wir eine kleine, intime Trauung haben wollten. Als unser Sohn im März 2019 auf die Welt kam, hatte ich nur zugestimmt dass der Kleine John’s Nachnamen bekommt, wenn wir noch im selben Jahr heiraten. John hatte zugestimmt. Und ja, ich hatte auf einen Antrag gewartet…Ich hatte immer wieder Andeutungen gemacht bzgl. Ringgröße und das ich keinen teuren Ring möchte, sondern dass  etwas kleines als Symbol völlig reicht.  

Eigentlich wären wir zwei Tage nach dem Unfall nach Deutschland geflogen. Da hätte er meine Eltern kennengelernt. Danach wollten wir durch Italien reisen (an dem Tag wo John’s Beerdigung war wären wir eigentlich in Venedig gewesen) und obwohl ich in seinen Hinterlassenschaften keinen Ring gefunden habe, glaube ich, dass er vor hatte auf dieser Reise mir einen Antrag zu machen. 

Er hat auch Deutsch gelernt und als ich durch die App geschaut habe, hatte er schon nachgeschaut was „to marry“ und „do you want to marry me“ auf deutsch heisst. 

Hast Du mit dem Gedanken gespielt, ihm den Antrag zu machen? Wenn ja, was hat Dich davon abgehalten? 

Am meisten abgehalten halt mich, dass man praktisch nie sieht wie die Frau einen Antrag macht (außer bei einer gleichgeschlechtliche Beziehung). Ich wusste einfach nicht ob ich ihm in dem Fall auch einen Ring geben würde… ich wollte ihn auch nicht in Verlegenheit bringen und ihm ein schlechtes Gewissen machen das er „nicht schnell genug“ war. Ich hätte es wohl nicht in der Öffentlichkeit gemacht, aber hatte mir schon überlegt unserem Sohn einen Strampler anzuziehen mit „Daddy, will you marry my Mommy?“ 

Frisch gebackene Eltern: John und Elisabeth konnten nicht ahnen, dass ihr Familienglück wenig später auf brutalste Art und Weise zerstört wurde.

Des Weiteren hatte John nie sein Online-Dating-Profil deaktiviert und eine der Fragen dort war, wie lange eine angemessene Zeit ist um einen Antrag zu machen und er hatte angegeben: 2 Jahre. 

Als unser Sohn geboren wurde waren wir ja erst ein Jahr zusammen. Deshalb wollte ich noch etwas abwarten, damit ich ihm nicht zuvorkomme. Letzten Sommer bin ich 30 geworden. Wir hatten noch vor nach unserer Europareise nach New York zu reisen. Ich hatte mir vorgenommen, auf dem Empire State Building einen Antrag zu machen, falls er es nicht auf dem Europatrip getan hätte. 

Doch dazu kam es nicht. All Eure Pläne für Euch und Euer Leben wurden durchkreuzt. Durch diesen einen Moment, diesen einen Tag…  

Am Tag des Autounfalls haben wir einige Erledigungen für unsere Deutschlandreise gemacht, bevor wir uns auf den Weg zu seinen Schwestern zum Abendessen gemacht haben.

Ich hatte seinen Schwestern eine Nachricht geschrieben, dass wir ein klein wenig zu spät kommen werden. Das GPS hatte mir zwei Routen vorgeschlagen: die Autobahn 81 oder die 340. Zeitlich war kaum ein Unterschied und John meinte ich solle doch die 81 nehmen, da ich da recht zügig fahren kann. Benny, unser Sohn, war gerade einmal acht Wochen alt und musste noch sehr häufig gestillt werden. Er war am weinen und da wir eine halbe Stunden Fahrt vor uns hatten, hab ich noch mal auf einem Parkplatz kurz angehalten um ihn zu stillen… aber er war nicht wirklich hungrig.

Wir sind von dem Parkplatz losgefahren und ich bin in die falsche Spur gefahren und konnte nur rechts abbiegen, so hatte ich die Auffahrt zur Autobahn 81 verpasst. Das Navi hat die Route dann neu berechnet und mir doch plötzlich die 340 angezeigt. Ich wollte nicht noch mal umdrehen, um nicht noch mehr Zeit zu verlieren und dachte… „Okay, dann fahren wir halt die 340“. Hätte ich das mal nicht gemacht.. im Nachhinein macht man sich solche Vorwürfe. 

Ich kam kurz an der Unfallstelle zu mir und fragte nach John und Benny. Mir wurde nur gesagt: „Your baby is ok“, „We’ll take good care of you“.

Wir waren 20 Minuten von unserem Ziel entfernt als wir in Charles Town, West Virginia, an einer roten Ampel stehen blieben. 

Ich erinnere mich nicht an den Aufprall, bis heute habe ich nur Erinnerungsfetzen…. Aber der Laster hat nicht gebremst und ist mit über 100 km-/h in unser Auto gerast. John sass hinter mir, neben Benny. Er ist nicht sofort verstorben. Auf der Kamera in unserem Auto hört man ihn vor Schmerzen stöhnen. Als die Hilfskräfte ihn rausgeschnitten haben, hatte er noch einen Puls. Doch alle Wiederbelebungsversuche waren erfolglos und er wurde noch an der Unfallstelle für tot erklärt.

„Mein Sohn hatte eine Schädelfraktur und eine Hirnblutung. Ich wurde auch aus dem Auto herausgeschnitten. Es war sehr chaotisch. Ich kam kurz an der Unfallstelle zu mir und fragte nach John und Benny. Mir wurde nur gesagt: „your baby is ok“, „we’ll take good care of you“. Ich kam dann nochmal kurz im Helikopter zu mir und erinnere mich noch das ich gedacht hab „I am not dead if they are flying me somewhere but it must have been a really bad crash“. Nachdem ich im Krankenhaus stabilisiert wurde, wurde ich gefragt wenn man informieren könnte aber ohne Handy wusste ich keine Nummern. Nach einigen Stunden fiel mir ein das John auf der Arbeit Notfallkontakte hinterlegt hat  und somit konnte ich in dem Restaurant anrufen, in dem John arbeitete. Ich sagte dem Manager, dass wir einen Autounfall hatten, John verletzt ist und morgen nicht zur Arbeit kommt. Er gab mir die Nummer von Johns Schwester Nancy und ich hinterließ ihr eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter. Sie rief zurück und ich berichtete von dem Autounfall, konnte ihr aber nicht sagen, wo genau es passiert war. Sie und ihr Mann machten sich auf dem Weg zu mir ins Krankenhaus. Dabei telefonierten sie mit mehreren Polizeiwachen, um an mehr Informationen zu kommen. Sie erfuhren dabei, dass John verstorben war. Das war 12 Stunden nach dem Unfall. Ich war zu dem Zeitpunkt auf der Intensivstation und als Nancy und ihr Mann Caisse ankamen war Nancy in Tränen. Als ich ihr Gesicht gesehen hab wusste ich, dass es keine guten Neuigkeiten sind. Caisse sagte dann diese Worte…. „he is dead“.  

Ich konnte es einfach nicht glauben. Zu dem Zeitpunkt hatte uns niemand gesagt, dass wir von einem LKW angefahren wurden. Bis zum nächsten Tag, als mich endlich der Sheriff angerufen hatte, dachte ich, ich habe den Unfall verursacht und John getötet. Ich dachte, ich sei hinter dem Steuer eingeschlafen. Bis heute fühle ich mich trotz allem schuldig. 

Wie war die Zeit danach? Neben der Trauer und der Genesung Deines Sohnes und Dir musstest Du Dich ja auch in Eurem neuen Leben zurecht finden. Und: Wieso sagst Du jetzt, dass der Fehler Deines Lebens ist, Dich nicht getraut zu haben, Deinem Partner einen Antrag zu machen?

Die erste Zeit ist total verschwommen. Ich hatte zwei lange OPs im Krankenhaus da mein linker Arm zertrümmert war. Bis heute habe ich nur im Daumen und Zeigefinger meiner linken Hand ein Gefühl. Ich hatte zu dem Zeitpunkt noch die staatliche Versicherung für Schwangere – doch die läuft zwei Monate nach der Geburt aus – also genau zu dem Zeitpunkt. Durch die Hochzeit wäre ich über John versichert gewesen. Deshalb wurde ich nach fünf Tagen aus dem Krankenhaus rausgeschmissen. Mir wurde ein Zettel vorgelegt: entweder müsste $2000 pro Nacht aus eigener Tasche zahlen, oder ich muss gehen. Noch am selben Tag war ich an Sauerstoff angeschlossen, da ich durch meine gebrochenen Rippen nicht richtig atmen konnte. Da wünscht man sich manchmal doch nach Deutschland. Der Unfall war Samstag und Donnerstag Abend wurde ich entlassen. Freitag Früh hatten wir den Termin beim Bestattungsinstitut, für die letzten Besprechungen. John und ich  hatten nie über den Tod gesprochen und ich wusste einfach nicht was John gut gefunden hätte. Letztendlich haben wir uns für eine Einäscherung entschieden, weil es günstiger war. 

Das erste Wiedersehen: 5 Tage nach dem tragischen Unfall kann Elisabeth ihr Baby endlich wieder in die Arme schließen

Eine Woche nach Entlassung aus dem Krankenhaus war seine Beerdigung. Da stand ich: voller Schmerzen mit meinem acht Wochen alten Baby. Die Ärzte sagten mir, Benny dürfe nicht weinen, damit sein Hirndruck nicht ansteigt.

Ich war überfordert. Verzweifelt. Ich erstellte in meiner Facebook-Gruppe einen Hilferuf für eine Nanny. Ich hoffte, dass mir jemand mit meinem Kind hilft – und bot im Gegenzug an, eine Referenz zu schreiben. Der Post wurde auf einmal überall geteilt. So hatte ich für drei Monate (!!) tagsüber immer jemanden da, genau so wie nachts. Ich war (und bin immer noch) überwältigt von der Hilfsbereitschaft die ich hier erlebt hab. Viele der Leute, die ich durch diese Tragödie letztes Jahr kennengelernt habe, sind immer noch sehr gute Freunde.

Auf seiner Sterbeurkunde steht „Single“. Ich glaube ihn würde das sehr stören, wenn er das wüsste.

Nachdem der Gips runter kam, musste ich mit Reha anfangen.  Ich war am Anfang komplett überfordert, wusste nicht wie es weitergeht. Ich konnte in meinem Zustand nicht arbeiten. Ich habe ziemlich schnell erfahren, dass ich für viele Programme, die Menschen in meiner Situation helfen sollen, nicht qualifiziert bin, da ich nicht die amerikanischen Staatsbürgerschaft habe. Johns Chef und eine Unfallzeugin haben GoFundme-Seiten erstellt, wo Leute gespendet haben.

Ich bereue es einfach sehr John nicht gefragt zu haben ob er mich heiraten möchte. Mehr als „nein“ hätte ja nicht kommen können. Es ist irgendwie komisch nur als „partner“ in seinem Nachruf gelistet zu sein. Auf seiner Sterbeurkunde steht „Single“…ich glaube ihn würde das sehr stören, wenn er das wüsste. Und, ich hätte gerne denselben Nachnamen wie mein Sohn. Des Weiteren manage ich Johns Nachlass, bis mein Sohn 18 wird. Wenn wir verheiratet gewesen wären, hätte ich das automatisch geerbt.  Wenn man so plötzlich vor dem Nichts steht, sind es die kleinsten Dinge, die einen stören und traurig machen. Ich fühle mich auch irgendwie von der Familie entfremdet da seine Schwestern mich nie als „Tante“ gegenüber ihren eigenen Kindern bezeichnen. Benny ist deren Cousin, aber ich bin nur „Bennys Mama“. Auch wenn wir nicht verheiratet waren… mir würde es viel bedeuten wenn ich die Tante von John’s Nichten und Neffe wäre. 

Auch direkt nach dem Unfall wurde mir vieles nicht mitgeteilt, da wir nicht verheiratet waren.

Wie geht es Dir und Deinen Sohn momentan? 

Uns geht es den Umständen entsprechend gut. Ich habe mir erst vor zwei Wochen, 15 Monate nach dem Unfall, wieder ein Auto gekauft und die Angst die ich jetzt jedes Mal habe wenn ich in ein Auto steige wird wohl nicht so schnell weggehen. Ich hatte im Februar nochmal eine OP an einem Arm und werde ihn nie wieder ganz bewegen können. Auch wird das Gefühl im Mittelfinger, Ringfinger und kleinen Finger nie wieder kommen. 

Gemeinsam stark: Elisabeth und ihr kleiner Benny rund ein Jahr nach dem Unfall

Mein Sohn hat in bestimmten Bereichen eine verzögerte Entwicklung. Ob es bleibende Schäden geben wird, ist unklar.  Der Neurologe ist aber hoffnungsvoll, das Benny in den nächsten Jahren alles aufholen wird. Er hat erst mit 15 Monaten angefangen zu krabbeln und konnte erst mit einem Jahr sitzen. Er ist immer gut drauf aber ich mache mir schon Sorgen. Ende 2019 haben wir angefangen zu Lese-, und Musikstunden in der Bücherei zu gehen, aber jetzt in der Pandemie geht das natürlich nicht. Wir sind oft ganz alleine, was sehr hart ist.