Mögen aus kleinen Menschen gute Menschen werden

Mögen aus kleinen Menschen gute Menschen werden

Meine drei Kinder sind in den USA geboren und verbringen hier die ersten Jahre ihres Lebens. Was will ich ihnen mitgeben?

Mein Mann und ich erziehen aus dem Bauch heraus.
Neulich aber habe ich mich gefragt, was mir eigentlich wichtig ist in der Erziehung meiner Kinder. Neben der Tatsache, dass sie natürlich glücklich sein sollen, schwirrte eigentlich nur ein Satz in meinem Kopf: „Sie sollen gute Menschen werden.“ Good people.

Glückliche gute Menschen. Keine glücklichen Arschlöcher. Davon gibt es schon zu viele.

Und mir kamen konkrete Situationen in den Sinn: 

Den Obdachlosen an der Kreuzung nicht gezielt ignorieren oder gar verachtend anschauen, sondern freundlich zulächeln. Oder ihnen etwas zu Essen und bei der Hitze eine Flasche Wasser bringen.

Sich mit der weißen Kassiererin genauso unterhalten, wie mit der Schwarzen Vermieterin – oder umgekehrt.

Dazu gehören aber auch Kleinigkeiten, wie: Bitte! Danke! Entschuldigung! Hallo! Auf Wiedersehen! 

Bevor man das letzte Stück Brot nimmt: fragen ob man es mit jemandem teilen kann.

Wenn man die Wand mit rotem Lippenstift angemalt hat, dies auch zugeben. 

Und sie sollen nicht nur wissen, sondern auch wirklich verstehen, wie privilegiert sie in manchen Bereichen sind und wohl immer sein werden. 

Weil sie weiß sind, weil ihre Eltern ihnen Dinge ermöglichen können – die anderen Kindern einfach verwehrt bleiben:

Meine Kinder werden vermutlich nie nach Hause kommen – und in einen leeren Kühlschrank gucken. Sie werden nie mitbekommen, wie ihre Eltern sich entscheiden müssen, ob das Geld für einen Einkauf oder die überfällige Miete ausgegeben wird.

Wenn Mama und Papa gleichzeitig arbeiten, müssen sie tagsüber nie alleine sein, weil wir uns einen Babysitter leisten können. 

Wenn sie später Schwierigkeiten in der Schule haben, werden sie durch uns Unterstützung bekommen – oder bezahlte Nachhilfe. 

Privilegien, für die sie nichts können. Aber für die sie auch nichts getan haben. 

Meine Kinder bekommen in den vergangene Wochen viel mit. 

Sie wurden angeschrien, weil sie im Park keine Maske trugen. 

Sie bekamen Brüllereien zwischen Schwarzen und weißen mit.

Sie sehen, dass jede Woche mehr Obdachlose auf den Straßen unserer Nachbarschaft schlafen, betteln, schreien – oder sich unterhalten.

Mich hat neulich jemand gefragt, ob das nicht zu viel sei für so kleine Kinder. Ob sie das nicht verunsichere, verängstige.

Klar, manchmal schauen sie irritiert, zucken zusammen. Aber was sie sehen und mitbekommen ist nur ein klitzekleiner Ausschnitt der Lebensrealität so vieler Menschen. Und die haben nicht die Möglichkeit wegzusehen oder gar wegzurennen.

Ja, meine Kinder stellen Fragen – und sie bekommen Antworten. Auch wenn das manchmal nicht so einfach ist.

Sie sehen, dass Leute auf die Straße gehen um zu demonstrieren – weil Schwarze ungerecht behandelt werden.

Schwarze Kinder, wie ihre Freundin Niles. Schwarze Frauen, wie die Kinderarzthelferin oder ihre Babysitterin.  Sie wissen es – und sie verstehen es nicht: es ergibt für meine Große, sie ist fünf, einfach keinen Sinn. 

Am Freitag sprachen wir wieder darüber, als ich zu den BLM-Protesten aufbrach. Als ich von der Polizeigewalt besonders gegenüber Schwarzen erzählte, schüttelte sie den Kopf und sagte: „weil sie Schwarze Haut haben?! Aber warum?“ 

Es klingelte. Lea stand vor der Tür. Unsere Babysitterin, die einspringt, wenn mein Mann und ich gleichzeitig arbeiten. 

Die Große sagte: „Lea, today, a lot of people meet again… you know, sometimes Black people are (being) treated wrong.“ Lea sagte: „I know, honey“. „But why?“, fragte meine Tochter wieder: „Black people. Like you!“

Ja, diese Empörung, diese pure Fassungslosigkeit über Ungerechtigkeiten, die objektiv keinen Sinn ergeben…. ich hoffe, dass meine Kinder sich ihre Sensibilität, ihren Gerechtigkeitssinn und ihre Wut darüber erhalten. 

Und ihren Mund aufmachen. Für und mit Lea und Niles – ein Leben lang.