Wenn Menschen zu Ware werden

Sklaverei wurde Ende des 19. Jahrhunderts offiziell abgeschafft. Doch die Realität sieht auch im Jahr 2020 anders aus. Ein Text von Tina Nischwitz

Ende des 19. Jahrhunderts gelang ein großer Durchbruch: Sklaverei wurde nach langem und unermüdlichem Einsatz in den meisten Ländern abgeschafft und verboten. Nach 400 Jahren transatlantischem Sklavenhandel war das ein großer Erfolg. Damit scheint Sklaverei heutzutage den Geschichtsbüchern anzugehören – Schließlich ist Sklaverei weltweit in allen Ländern gesetzlich verboten. Doch der Schein trügt. Nach aktuellen Schätzungen leben heute 40,3 Millionen Menschen in Sklaverei. Die traurige Realität ist, dass damit heutzutage mehr Menschen in Sklaverei leben, als während der 400 Jahre transatlantischem Sklavenhandel. Moderne Sklaverei floriert – nicht zuletzt, weil es leider überaus lukrativ ist. Menschen werden zum Besitz anderer –
Ein Geschäft, das jährlich über 150 Millionen US-Dollar erzielt.

Moderne Sklaverei beschreibt den Gewaltakt, durch den ein Mensch zum Besitz eines anderen wird und keinerlei Freiheit mehr hat.

Tina Nischwitz

Neben den harten Zahlen stehen Millionen Einzelschicksale und Geschichten von Menschen. Menschen, die auf unterschiedlichste Weise versklavt werden. Zum Beispiel zur Produktion von Gütern und Nahrungsmitteln, die auch wir als Konsumenten in der Westlichen Welt am Ende erwerben. Moderne Sklaverei geht jedoch weit über die Ausbeutung der menschlichen Arbeitskraft bei extremer Unterbezahlunghinaus – es beschreibt den Gewaltakt, durch den ein Mensch zum Besitz eines anderen wird und keinerlei Freiheit mehr hat, oft über Generationen. Sklaverei betrifft alle Altersklassen und nimmt dabei schon für die Kleinsten dieser Welt grausame Formen an. 

Eine Form von moderner Sklaverei ist die sexuelle Ausbeutung von Kindern im Internet, auch als OSEC (Online Sexual Exploitation of Children) bekannt. Sexuelle Ausbeutung im Internet beginnt mit der visuellen Darstellung von Minderjährigen, die sexuell missbraucht oder ausgebeutet werden. Die entstandenen Fotos, Videos oder Live-Streams, zum Beispiel, werden dann an eine dritte Person, die physisch nicht anwesend ist, für eine finanzielle Gegenleistung weitergegeben.

Durch die Globalisierung und das Internet wurde diese Praxis enorm befördert. So können pädokriminelle Menschen in jedem Land ganz einfach und jederzeit dafür bezahlen, dass sich Kinder in anderen Ländern vor der Kamera ausziehen und nach Belieben agieren müssen. Die Täter sind meist nahe Verwandte der Kinder, die sie zu Handlungen zwingen und dann im Internet den Wert verhandeln. So können sie zum Beispiel bis zu 100 US-Dollar pro Stream verdienen. Was bleibt sind traumatisierte Kinder und zerstörte Kindheiten. In ärmeren Ländern handeln die Täter meistens aus finanziellen Gründen. Dabei ist es besonders schwierig die Kunden, vorwiegend aus der westlichen Welt, zu ermitteln und strafrechtlich zu verfolgen. Das Problem sexueller Ausbeutung von Kindern im Internet hat sich in den vergangenen Jahren stetig verschärft. Nicht zuletzt sind die OSEC-Fälle durch die Covid-19-Pandemie stark angestiegen, da Kinder durch den Lockdown zum Beispiel nicht zur Schule konnten und finanzielle Einnahmequellen versiegt sind. Laut Schätzungen von UNICEF hat sich die Zahl von 1,8 Millionen Kindern, die sexuell ausgebeutet werden, in diesem Jahr drastisch erhöht. Deutlich angestiegen sind die Fälle auf den Philippinen, ein weltweiter Hotspot für sexuelle Ausbeutung im Internet.

Was wir brauchen sind gestärkte Rechtssysteme, die lokal und global zusammenarbeiten und Täter/innen strafrechtlich belangen. Nichtregierungsorganisationen wie International Justice Mission arbeiten seit Jahren daran, diese Verbrechen mit den lokalen Strafverfolgungsbehörden einzudämmen. Daneben ist auch eine aufmerksame Öffentlichkeit notwendig – WIR sind gebraucht. Menschen, die sich darüber informieren, dagegen aufstehen und sich einsetzen. Einsetzen gegen diese Verbrechen und für die betroffenen Menschen. Das Thema ins Bewusstsein der breiteren Öffentlichkeit zu bringen und darüber aufzuklären ist ein erster wichtiger Schritt. Ein Schritt mehr in die richtige Richtung. Denn es wird Zeit, dass Sklaverei in ihren unterschiedlichsten Formenendgültig den Geschichtsbüchern angehört.

Über die Autorin: Tina Nischwitz studiert Development Studies. Mit dem Thema „Moderne Sklaverei“ beschäftigte sie sich während eines Praktikums bei der IJM (International Justice Mission) – seit dem ist sie dort ehrenamtlich tätig